Eine
wundersame Nacht
Milli schaute vorsichtig aus ihrem Mauseloch. "Hu, wie kalt
es heute wieder ist", sagte sie leise und schüttelte sich.
"Warum bin ich denn aufgewacht? Ich hab doch so gut
geschlafen. Und Hunger habe ich jetzt auch. Es ist bestimmt
schon ewig her, seit ich das letzte Mal etwas gegessen
habe. Meine Speisekammer ist doch leer! Wo kann ich denn
jetzt noch etwas finden? Ob ich mal etwas näher an das Haus
herangehe? Probieren kann ich es ja mal."
Vorsichtig trippelte sie an das dunkle Haus heran. Im Hof
brannte das Licht, aber alle Fenster waren dunkel. In
diesem Augenblick zerrissen zwei Autoscheinwerfer das
Dunkel und ein kleines weißes Auto fuhr in den Hof. Es
hielt an und eine lärmende Familie stieg aus. Die Mutter
öffnete die Haustür und ein zotttiger brauner Hund sprang
ausgelassen durch den Hof. Er sprang an den Menschen hoch
und versuchte, ihnen das Gesicht abzuschlecken. Offenbar
war er schon lange im Haus allein gewesen und freute sich,
dass er endlich wieder Gesellschaft bekam. Inzwischen
hatten die beiden Kinder und der Vater Körbe mit buntem
Papier und Gegenständen ins Haus getragen.
"Schade, dass sie nichts für mich dagelassen haben", dachte
Milli und wagte sich noch etwas näher heran. Die Tür war
geschlossen und das Hoflicht brannte nicht mehr. Dafür
leuchtete Licht durch die Fenster auf den Hof. "Hoppla",
Milli stolperte über etwas und als sie genauer hinschaute,
sah sie einen Engel vor sich liegen. Er war aus gelbem Teig
und sein Kleid war aus weißem Zuckerguss. "Wo kommst du
denn her? Haben wir denn schon wieder Weihnachten? Na, dann
bin ich ja gerade rechtzeitig aufgewacht. Komm, ich nehm
dich mit in mein Mauseloch. Wir wollen zusammen Weihnachten
feiern." Vorsichtig packte sie den Engel und schleppte ihn
in ihr Mauseloch im Garten. "So", meinte sie, als sie
wieder etwas zu Atem gekommen war, "jetzt wollen wir
zusammen feiern. Es tut mir leid, aber ich habe solchen
Hunger, dass ich einen Fuß von dir fressen muss. Hab keine
Angst, das kitzelt nur ein wenig und tut gar nicht weh."
Und wirklich, der Engel lächelte nur ein wenig. "Komm, leg
dich neben mich auf das warme Gras, du darfst bei mir
schlafen", flüsterte Milli und kuschelte sich wieder in
ihrem Grasbett zusammen. Im Nu war sie eingeschlafen und
träumte von einem Engel mit einem weißen Kleid, der zu ihr
kam und sprach: "Fürchte dich nicht Milli, auch für dich
ist heute der Heiland geboren!"
Milli wurde es auf einmal ganz warm ums Herz und sie fühlte
sich so wohl, wie schon lange nicht mehr. Und als sie zu
dem Engel hinsah, bemerkte sie, dass er nur einen Fuß
hatte.
@ Norbert Rothhaas 1994
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